Werbeaufreger „Uups Momente“ oder Der Beckenboden

Auch diesen Text hatte ich vor längerer Zeit in meinem alten Blog eingestellt. Nachdem ich vorhin mal wieder so einen bescheuertern Werbespot zum Thema gesehen habe und von einer Freundin zu diesem Thema einiges gefragt wurde, stelle ich diesen Text jetzt auch hier ein. Den Werbespot der damals mein Aufreger war, gibt es aktuell (glaube ich) nicht mehr. Aber es gibt Nachfolger, in welchen in ebenso ignoranter Art und Weise, versucht wird, Frauen davon zu überzeugen, dass Probleme mit der Blase so hingenommen werden müssen und man deren jeweiliges Produkt kaufen sollte.  An den medizinischen Fakten in meinem Text, hat sich nichts geändert.

 

Es gibt doch relativ viele Werbespots in denen vermittelt wird, dass eigentlich alle Frauen irgendwann, mehr oder weniger inkontinent werden. Inkontinent bedeutet man hat seine Blase nicht mehr unter Kontrolle. Das was bei den betroffenen Frauen allerdings meist vorliegt, ist die sogenannte „Stress“-Inkontinenz. Das heißt, beim Husten, Niesen, Lachen, Tragen schwerer Lasten, Hüpfen, Springen . . .  entleert sich die Blase ein kleines bisschen. Als einzige Möglichkeit werden alle möglichen mehr oder weniger windelähnlichen (Einlagen, Windel“höschen“) Produkte angepriesen, welche Frau sich dann in die Hose packen kann. Vorher muss man diese Produkte natürlich kaufen. Das ist schlicht und ergreifend vollkommener Blödsinn. Aber in einen Laden gehen und einfach etwas kaufen, ist natürlich einfach. Man muss dann auch mit niemand über dieses dann doch meist leider „peinliche“ Problem, sprechen.  Das ist aber keine Lösung und vor allem, gar nicht notwendig.

 

Es trifft schon mal nicht Alle Frauen. Bevorzugt taucht dieses Problem nach Geburten auf. Es kann aber auch ohne eine vorhergegange Geburt auftreten. Es gibt verschiedene Auslöser und Ursachen.  Das muss vom Gynäkologen oder Urologen untersucht und festgestellt werden. Und ja, auch als Frau geht man zum Urologen, wenn es irgendwelche Probleme mit Urin, Blase oder Nieren gibt. Wenn der Urologe der Meinung ist, es ist ein gynäkologisches Problem, wird er das sagen. Genauso anders herum.  Auf jeden Fall  muss Frau derartige Probleme auf keinen Fall einfach hinnehmen und sich dann, mehr oder weniger peinlich berührt,  irgendwas in die Hose packen.

Im Gegenteil, man sollte das, wenn es denn tatsächlich auftritt, auf keinen Fall einfach hinnehmen, aufgeben und nichts tun.

Wenn es auftritt, hat es fast immer mit der Muskulatur des Beckenbodens zu tun und da kann man recht einfach gegensteuern. Es gibt jede Menge Übungen um diesen Muskel wieder zu stärken. Das weiß so gut wie fast jede Physiotherapeutin und es gibt auch ganz spezielle Gruppen und Praxen in denen das gezeigt und geübt wird.  Manchmal ist zu dem erschlafften Beckenboden, auch noch die Blasenaufhängung schlaff, oder/und die Lage und/oder Größe der Gebärmutter hat auch noch damit zu tun. Da kann es dann schon mal sein, dass man mit den Übungen alleine, nicht den gewünschten Erfolg bekommt.

Dann kann das Problem mit einem heute recht kurzen, meist ambulanten, minimalinvasiven Eingriff  gelöst werden . Selbst wenn Beckenboden und Blase und Gebärmutter am Problem beteiligt sind, kann man das heute relativ einfach operativ beheben.

Wer also tatsächlich von diesem Problem betroffen ist, sollte zuerst bei einem Termin beim Gynakologen/Urologen abklären lassen, was die tatsächlichen Ursachen sind und dass keine ernsthafte Erkrankung (sehr, sehr selten) dahinter steckt.  Dort kann man dann auch die entsprechenden Rezepte zur gezielten Physiotherapie, oder einen Überweissungsschein zur entsprechenden OP bekommen (ein Physiotherapeut zeigt die Übungen, aber man sollte sie auf jeden Fall, alleine, mögl. häufig ausführen). Üblicherweise, kommt vor einer Op immer erst die Physiotherapie. Nur wenn die Übungen nicht den gewünschten Erfolg bringen, wird operiert. Es gibt da natürlich auch Ausnahmen. Aber das entscheiden die Ärzte.

Aber auf gar keinen Fall muss man den Rest des Lebens, blöde kichernd, mit so etwas wie Windeln in der Hose, „Uups Momente“ ertragen. Mit ein klein wenig Aufklärung und Initiative der Betroffenen, wären diese ganzen Produkte eigentlich weitgehend überflüssig.

Mit ein paar kleinen Aufklärungsfilmchen, wären die Werbegelder sinnvoller angelegt. Da könnte eine Firma mit ihrem Namen dann ja auch eine Art Werbung machen. Aber eben durch Aufklärung und Unterstützung und nicht durch den Verkauf dieser überwiegend sinnbefreiten Produkte. Außerdem wird nicht nur der komplett falsche Eindruck zu diesem Problem vermittelt, sondern auch noch die „Peinlichkeit“ eher verstärkt.

 

Ich hatte nach der Geburt meines Sohnes auch eine Stress Inkontinenz. Ich habe das operativ beheben lassen und damit ist das für mich, ein für alle mal, erledigt. Damals gab es noch keinen minimalinvasiven Eingriff und es war dann eine recht große Bauchoperation, bei welcher auch gleich noch die Gebärmutter (weil sie auch beteiligt war) entfernt wurde. Nach der Operation, kommt das normalerweise dann nie mehr wieder, auch im Alter nicht.

Ich kenne die diversen Varianten des Eingriffs, so wie er heute gemacht wird, durch meine Arbeit als OP-Schwester in den entsprechenden Ops. So wie das heute gemacht wird, ist es echt ein Klaks. Ich war, nach dem doch recht großen Baucheingriff, damals am 8. Tag zuhause. Der große Bauchschnitt hat noch eine zeitlang immer mal ein bisschen gezwiebelt, aber das war es dann auch schon.

Ich habe den Eingriff nie bereut und rege mich regelmässig über diese dämlichen Werbespots auf. In den Spots wird es so hingestellt, als wäre jede Frau irgendwann inkontinent und außer diesen bescheuerten Produkten gäbe es keine Möglichkeiten. Als ob es eine Freude wäre mit, wie auch immer gearteten Windeln/Einlagen durch das Leben zu gehen. Ich rege mich schon über die Frauen auf, die diesen Spot drehen, damit Geld verdienen und sich so auch hinter das Produkt stellen. Diesen Frauen fehlt ganz offensichtlich das Wissen um die Tatsachen. Ansonsten sollte Frau sich für so etwas nicht hergeben.

Auch diese Werbung will nichts, außer ein Produkt verkaufen und hat mit der Realität nichts zu tun. Keine Frau, egal wie alt und egal ob Kinder geboren wurden, muss dieses Problem mit Windelhosen oder wie auch immer angepriesenen ähnlichen Produkten lösen.

Nur wenn man nicht in der Lage ist, diese Übungen zu machen und in keinem Zustand, der den entsprechenden ambulanten Eingriff erlaubt, müßte man sich mit diesen Produkten abfinden. Aber nur dann und das kommt ausgesprochen selten vor.

Die notwendigen Übungen verlangen auch keinen wirklich sportlichen Einsatz und sind gut in den Alltag einzubauen. Das kann „eigentlich“ jede Frau. Laßt Euch nicht einreden, dass man sich damit abfinden und deshalb diese Produkte kaufen muss.

Und für den Fall, dass ich jetzt wieder mal gefragt werde, ob ich in meiner Situation nichts besseres zu tun habe . . .   ich halte dieses (Frauen-) Thema für wichtig und es hat mich auch selbst betroffen. Und nur weil ich unheilbar an Krebs erkrankt bin, lebe ich nicht auf einer einsamen Insel oder unter einer Käseglocke.  Ich bekomme durchaus mit, was ansonsten so auf der Welt los ist und habe dazu eine Meinung.

Außerdem finde ich es beschämend, wie wenig die meisten Frauen (Menschen)  über ihren eigenen Körper wissen und nur dadurch ist solche Werbung überhaupt möglich. Wenn diese Werbung keinen Erfolg hätte, also entsprechend viele Frauen auch wirklich diese Produkte kaufen und anwenden würden, gäbe es sie nicht.  Und gerade diese Art Werbung für Frauen- Produkte, arbeitet ganz genau mit diesem Unwissen und vermittelt völlig falsche Bilder und Vorstellungen . . . .  als ob alle Frauen ganz selbstverständlich früher oder später mit Windeln unterwegs wären . . .  teilweise noch ganz schön jung . . . .  fröhlich kichernd,  eben lediglich ein „Uups Moment“.                  BULLSHIT !!!

Alleine die Vorstellung/Aussicht ständig mit irgendetwas windelähnlichem in der Hose rumlaufen zu müssen, sollte enormen  Informationshunger auslösen, Initiative und Aktivität. Das möchte doch niemand freiwillig und das wird durch diese Werbung auch nicht angenehmer. Wenn ich mir vorstelle, was bei dem einen oder anderen Teenager beim Sehen dieser Werbespots im Kopf abgeht . . . schlimm und dazu auch noch überflüssig und die Infos die da transportiert werden, sind schlicht komplett falsch. Mamas von Töchtern sollten das Thema offen ansprechen und den Mädels klar machen, dass sie sich NICHT selbstverständlich auf solchen komischen Windel-Kram einstellen müssen wenn sie älter werden.

 

Bei der Gelegenheit:  das gilt eigentlich auch für diesen ganzen Einlagen-Kram. Wer gesund ist, braucht keine, wie auch immer propagierte Pappe in der Hose. Spezielle Artikel für die Zeit der Menstruation sind natürlich ausgeschlossen. Aber dieser  sog. Alltags „Hygiene“-Kram ist für eine gesunde Frau komplett überflüssig. Frau wäscht sich und ihre Wäsche völlig normal und regelmässig. Auch „Hygiene“ Waschmittel oder -Spülungen sind für eine gesunde Frau, rausgeschmissenes Geld (außerdem steigert man durch diesen überflüssigen „Hygiene“-Kram, die Neigung zu Allergien) Man wechselt regelmässig sein Wäsche und dann muss man als gesunde Frau so gar nichts reinkleben. Falls man doch das Bedürfnis hat, sollte man beim Arzt mal eine Kontrolle machen lassen. Eigentlich sind diese Produkte genauso überflüssig, wie die Windeln und dieser windelähnliche Kram. Es gibt natürlich Erkrankungen, die solche Produkte mal vorübergehend sinnvoll machen. Aber nur dann und nur vorrübergehend.

Aber über diesen ganzen anderen neuen Hygienkram und die ständige Desinfektion von Allem und Jedem, könnte ich jetzt nochmal einen langen Beitrag schreiben . . .. lass ich.

Aber bitte kümmert Euch um Eure Beckenbodengesundheit und akzeptiert nicht still und leise, mehr oder weniger schamvoll,  wenn es da mal Probleme gibt. Wer noch jung ist und/oder sowieso regelmässig Sport macht, kann auch da vorbeugen und den Beckenboden stark machen. Man muss sich nur mal zeigen lassen, wie das geht. Das gehört z. B. in den meisten „Studios“ nicht zum normalen Trainingsprogramm und da muß man selbst nachhaken oder man geht eben zur Physiotherapie.

Da wird mit Eurem (überflüssigen)  Schamgefühl Geschäft gemacht. Weil manche (leider meist uninformierte) Frau mit niemand, auch keinem Arzt, darüber sprechen möchte, kauft sie sich lieber diese Produkte . . .. sorry, der falsche Weg. Geldverschwendung und sicher keine Steigerung der Lebensqualität.

Mit ein klein wenig Eigeninitiative  und Information läßt sich dieses Probleme beheben. Falls Euer Gynäkologe/Urologe keine Ahnung hat und etwas von Abfinden oder Arrangieren plappert, eine_n Andere_n suchen. Es gibt für den Beckenboden Fachleute. Mit diesem Problem muß man sich nicht arrangieren. Damit muß man nicht leben. Das ist zu beheben. Auf unterschiedliche Weise und nicht immer sofort und gleich, aber man bekommt es wieder unter Kontrolle.

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2 Gedanken zu “Werbeaufreger „Uups Momente“ oder Der Beckenboden

  1. Liebe Sue,
    ich habe Dir damals schon für dieses Artikel gedankt und tue das nochmal ganz herzlich! Es ist unfassbar was den Frauen da suggeriert wird! Ich spreche mit meiner erwachsenen Tochter ganz offen über dieses Thema und sie ist sehr dankbar dafür.
    Liebe Grüße
    Bea

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    • Hallo Bea,
      schön das Du mit Deiner Tochter offen darüber sprechen kannst. Das ist ja leider doch meist noch ein „Tabu-Thema“. Ansonsten würde diese Werbung ja auch keinen Sinn mehr machen.
      Es freut mich immer, wenn Andere mit meinen Texten auch etwas anfangen können 🙂
      Lieben Gruß
      Sue

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